Interview mit Wilhelm Willms
Peter Hahnen im Gespräch mit Wilhelm Willms entnommen: "Das "Neue Geistliche Lied"" Münster 1998
In den Veröffentlichungen zu Ihrer Person, Herr Willms, findet man kaum Notizen über Ihre Kindheit und Jugend.
Ich bin in Rurdorf bei Linnich vier Jahre auf die Volksschule gegangen. In Jülich besuchte ich für drei Jahre das Gymnasium. Der Krieg an der Ruhr unterbrach den Schulbesuch, und nach dem Krieg bin ich in Düsseldorf Oberkassel auf dem Comenius-Gymnasium gewesen. Das hat mich sehr geprägt. Im Unterricht haben wir uns sehr mit moderner Literatur beschäftigen können. Ein junger Referendar las mit uns alle die modernen Autoren. Und er machte das so gut, daß zeitweilig sogar unser Direktor in einer Bank Platz nahm, um jetzt auch etwas über diese neue Literatur zu erfahren. Rilke war zu jener Zeit mein großer Schwarm. So sehr, daß ich zunächst selbst 'rilkte'. Ich erinnere mich, einmal in einem Aufsatz ein Rilke-Gedicht zitiert zu haben, das es gar nicht gab. Das hatte ich selbst geschrieben.
Das Leben in Düsseldorf dürfte ziemlich anders gewesen sein als Ihre Kindheit in Rurdorf.
Ich bin da in Düsseldorf 'unheimlich schön' in die Kunstszene hineingeschlittert.
Joseph Beuys hat da gelebt ...
Der lebte in unserer Nachbarschaft, aber auch andere Künstler und eine ganze Reihe Schauspieler vom Theater, und ich wohnte mittendrin. Da habe ich die ganze Szene der neuen Kunst, die zuvor als entartet verpönt war, sehen können. Wir durften ins Schauspielhaus gehen und Gustaf Gründgens erleben, Elisabeth Flickenschildt, Marianne Hoppe, Will Quadflieg und viele andere. Von meinem vierzehnten Lebensjahr an bis zum Abitur habe ich dort eine herrliche Zeit erlebt. Ich wohnte bei Großonkel und -tante, die mich nach Düsseldorf eingeladen hatten, weil ja in Jülich noch alles plattgewalzt war vom Krieg.
Nach dem Abitur habe ich einige Semester an der Kunstakademie studiert. Alle rieten mir, Buchillustrator zu werden. Das habe ich dann aber nicht gemacht. Ich wollte noch gerne Germanistik studieren, und unter der Hand kam dann die Idee, Theologie zu studieren. Dafür bin ich zunächst nach Bonn gegangen. Düsseldorf hatte ja noch keine Universität, und später ging ich in das Priesterseminar nach Aachen.
Meine erste Kaplansstelle war fast auf dem Land, in St.Peter / Viersen. Die Situation dort war gar nicht einfach, weil es eine Gemeinde war, die sich über drei Ortschaften verteilte. Das hat mir sehr viel Freude gemacht. Ich hab' meine Phantasie spielen lassen. Ich sagte mir: So kann es gar nicht weitergehen. Die Leute glaubten an die Sünde, wo sie gar nicht sündigten. Mein Pastor war insofern ein Wunder für mich, weil er zu seiner eigenen Kaplanszeit bei einem Pastor eingesetzt gewesen war, der kein geringerer war als Josef Thome. Der stand seinerzeit auf dem Index und hat kurz vor seinem Tod noch Uta Ranke-Heinemann promoviert. Er hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Der mündige Christ". Dieses Denken hat - das können Sie sich vorstellen - unsere Arbeit wirklich beeinflußt. Mein Pastor in Viersen war also von diesem Mann geprägt. Das Konzil stand vor der Tür, und die Bücher von Leuten wie Thome hatten eine Türöffner-Funktion gehabt. Wir haben das Konzil bei uns schon etwas vorweggenommen. Wir haben beispielsweise schon mit dem Gesicht zum Volk zelebriert.
Dann kam ich nach Aachen. Und das war auch wieder ein Glück, ich wurde nämlich in das Prominentenviertel von Aachen, nach St.Michael, versetzt. Da gab es einen Pastor, der hieß Hugo Bauermann. Bauermann war Diözesanjugendseelsorger gewesen, und ermutigte mich sehr, etwas mit den Jugendlichen zu unternehmen. Der sagte zu mir "Wenn Du jetzt was mit den Jugendlichen machst, bekomme wir bald ein richtiges Jugendheim." Wir hatten damals nur eine ganz primitive Baracke zur Verfügung, wirklich ganz einfach. Die nannten wir scherzhaft "Saint Michél". Ich fuhr einmal mit dem Omnibus mit 50 Jugendlichen nach Rom, Assisi und Ravenna und als ich nach Hause kam, stand meine Mutter in der Tür und sagte: "Du bist nach Krefeld versetzt."
Und das war dann erst ein Schock und später ein weiteres Glück. St.Dionysius war in der City von Krefeld und Krefeld war ja größer als Aachen, das muß man wissen. Krefeld war die größte Stadt unserer Diözese, war auch urbaner als Aachen. Als ich die Kirche dort sah - es war schrecklich: ein neoklassizistischer Bau. Aber nach kurzer Zeit vergaß ich diesen Raum. Der Pastor ließ mich gewähren. Er überließ mir die Sonntagsmesse um 12 Uhr und die Abendmesse um 18.00 Uhr als feste Zeiten. So wußten die Leute genau, wo sie hingingen.
Und dort kam es dann zu dem Kontakt mit Hans-Jörg Böckeler ...
Die Gemeinde bekam einen frisch-gebackenen, begabten Kantor, wie vom Himmel gefallen. Zu ihm meinte ich: "Wollen wir hier alles so weitermachen wie bisher oder ganz neu beginnen?" Er fragte mich "Was meinen Sie?" und ich sagte: "Ich schreibe neue Liedtexte und Sie vertonen die." Er hatte nämlich in Düsseldorf am Robert-Schumann-Konservatorium auch Komponieren gelernt. Gesagt, getan. So geschah es zur großen Freude aller Beteiligten. Es wuchs ein neuer Jugendchor in unserer City-Kirche. Wir durften erleben, daß mitten in der Großstadt neues Leben aus den Ruinen erblühte. Wir sangen ein neues Lied im alten Land. Und wo solch Neues wird, da sammeln sich Menschen, die sehnsüchtig darauf gewartet haben. Die Dionysiuskirche füllte sich von Sonntag zu Sonntag, und dies war überwiegend junge Generation - aber nicht nur. Es waren auch junggebliebene Alte, die da Feuer und Flamme waren.
Und wie das dann so geht. Wer Realist ist, wird fragen, ob das ohne Komplikationen abging. Der Neid wuchs sprichwörtlich. Invidia clericalis soll ja das Schlimmste vom Schlimmen sein. Gerade an heiliger Stätte feiert der Diabolus seine Feste. Aber - um mit Hölderlin zu sprechen -: Wo Gefahr ist, da wächst das Rettende auch! Als wir schließlich mit einem ersten, zweiten und dritten Preis von dem Liedwettbewerb anläßlich der Kieler Segelolympiade 1972 zurückkamen, war es damit vorbei! Es war eine Freude und war eine Lust. In allem, was wir sangen und was ich sagte, war ich verwurzelt in biblischen Urgründen. Ich las die Kirchenväter und dazu klassische und neueste Literatur. Bis hin zum Gipfel, zu Paul Celan und seinen 'Freundinnen': Nelly Sachs, Else Lasker-Schüler, Hilde Domin, Christine Lavant und Ingeborg Bachmann. Dann nicht zu vergessen Max Frisch, Dürrenmatt, Georg Trakl, Musil, Karl Kraus, Ernst Jandl und nicht zuletzt Peter Handke. Es kamen auch Krefelder Schauspieler in die Gottesdienste, und der Theatermusiker Georg Koch - ein Jude - vertonte meine Texte, obwohl er kein gläubiger Jude war. Aber wo Neues wird, sind alle im besten Sinne grenzüberschreitend katholisch.
Irgendwann erhielt diese Arbeit eine Breitenwirkung über Krefeld hinaus.
Ja, das war wesentlich mit der Segelolympiade 1972 in Kiel der Fall. Als es die Münchener Olympiade gab, war von der evangelischen schleswig-holsteinischen Landeskirche über Bischof Hübner ein Wettbewerb für neues geistliches Lied ausgeschrieben worden unter dem Titel "Kiel oben - Kiel unten". Gefragt waren zunächst Texte zum Thema Spiel und Völkerverständigung. Ich schickte sieben Texte ein. Fünf wurden angenommen und auch mehrmals vertont. Einer sogar siebenmal. Am Ende empfing ich als Katholik aus des evangelischen Bischofs Hand die Preise. Von da an war der unterirdische Verleumdungskampf gebremst.
Von nun an wurde fast alles gutgeheißen, was wir so sagten und sangen. Es war häufig multimedial, wie man heute sagt. Unser Neues eroberte Katholiken- und Kirchentage. Es gab dann bald den Düsseldorfer "Ökumenekreis Altstadt" an der Neanderkirche - mit Oskar Gottlieb Blarr - und an der Andreaskirche - mit Pater Diethard Zils, einem Dominikaner. Das Wort und die Tatsache "Liturgische Nacht" wurde damals aus der Taufe gehoben. Wir haben in der Bahnhofsunterführung von Krefeld mit vielen Gästen unterschiedlicher Nationalitäten Gottesdienste mit sinnlichen, vielfältigen künstlerischen Elementen, gefeiert.
Würden Sie sagen, daß Sie damit in Krefeld noch vor dem Evangelischen Kirchentag 1973 die 'Liturgische Nacht' erfunden haben?
Wir haben das gemacht, was bald darauf als "Liturgische Nacht" bekannt wurde. Ob wir diese Bezeichnung schon verwendet haben, daran kann ich mich nicht mehr mit Sicherheit erinnern.
Die Initiativen eines Aufbruchs, einer Ahnung, daß es alles auch nochmal ganz anders sein könnte mit der Kirche, bündelten sich allmählich überregional, taten sich zusammen?
Von nun an gab es jedes Jahr irgendwo in den deutschsprachigen Ländern ein Treffen von Textern und Komponisten unter der geistigen Führung von Professor Johannes Aengenvoort. Er war Dozent an der Folkwangschule. Ihm verdanken wir ein jahrelanges intensives und fruchtbares Arbeiten. Es ging da mitunter liebevoll kritisch zu. Arnim Juhre - selbst ein Texter - war zuständig für uns Texter. Wir waren nicht nur wie selbstverständlich Ökumeniker, sondern auch ein Gemisch von Frauen und Männern, Österreichern, Schweizern und Niederländern. In Kiel gab es ja bei der Preisverleihung auch zwei Frauen: Erna Woll und Felicitas Kuckuck.
Ihr "Olympia"-Text traf dann ja plötzlich mit großem Ernst und auf die Geiselnahme im Olympia-Dorf zu.
In den Zeitungen stand dann eines Morgens: Gestern wurde in Kiel der Text preisgekrönt, der genau das traf, was in München geschah: "zwischen abel und dem bruder kain hängt alles an einem haar weil kain für bruder abel nicht bruder war". So holen mich immer Dinge ein, die vorweg geschahen. Das liegt daran, daß wir, wenn wir tief genug sind, radikal sind, nie von unserer Geschichte überholt werden können. Die Eintagsfliegen erkennen wir an ihrer modischen Raschvergänglichkeit.
Dann kamen Sie nach Heinsberg...
Ich mußte erst mehrere Jahre lang mit meinem Vorgänger hier zusammenarbeiten. Das war auch ein Glück, denn so hatte ich Freiheit. Hier sollte ursprünglich ein Meditationszentrum gegründet werden. Daraus ist aber nie etwas geworden. So war ich frei, andere Dinge auszuprobieren und zu tun. Wir haben damals zwei Hungertücher hier in Heinsberg gemacht. Später hat dann Misereor übrigens so getan, als hätten die den Brauch des Hungertuches wiederentdeckt. Ich hatte schon in Aachen batiken gelernt und das hier der Jugend und den Frauen beigebracht. Und das Ergebnis war unter anderem ein großes, wunderschönes Hungertuch, das heute noch in St.Gangolf aufgehängt wird.
Das wurde auch in Ihrem Buch "aus der luft gegriffen" abgebildet und vorgestellt.
Da hat sich Misereor nachher mit geschmückt. Ich habe ja damals auf Anregung von dem Dr.Mock von Misereor für das Misereor-Hungertuch aus Indien Texte unter dem Titel "Fest der Hoffnung" gemacht. Das war 1976. Peter Janssens sollte die Liedtexte vertonen. Die Eröffnungsveranstaltung war für Regensburg vorgesehen. Dort hat dann aber der Bischof die Veranstaltung verboten, weil es in München Krach um Aufführungen von "Ave Eva" gegeben hatte. Der Bischof von Regensburg hielt uns für Häretiker und wollte uns bei sich nicht haben. Der fand es schlimm genug, als er erfuhr, daß wir uns kurz zuvor zu einer Besprechung über die geplante Veranstaltung in seinem Generalvikariat getroffen hatten.
Bischof Döpfner konnte damals gerade noch verhindern, daß Sektierer im Liebfrauen-Dom gegen "Ave Eva" beteten. Der hat den Dom einfach geschlossen und "Ave Eva" wurde in der Abtei St.Benedikt in der Münchener Innenstadt aufgeführt.
Und die Gegner zogen in Sühneprozessionen um die Kirche ...
... und verkauften wundertätige Medaillen!
Wann haben Sie denn das erste Mal gedacht, daß die Lieder, die das Laudate und die übrigen diözesanen Liedsammlungen mitbrachten, nicht ausreichten? Daß also eine neue Sprache her mußte, die Sie selber mitprägen wollten.-
Das war im Zusammenhang mit den Liedern, die der Wettbewerb der Evangelischen Akademie Tutzing hervorgebracht hatte. Ich dachte "Gut und schön", aber mir kam das alles etwas naiv vor, wenn ich einmal an DANKE und EIN SCHIFF, DAS SICH GEMEINDE NENNT erinnere. Das war nicht mein Geschmack. Mein Geschmack war literarisch orientiert und hatte sich an der Weltliteratur gebildet; an der französischen einer Gertrud von LeFort und auch eines Sartre und besonders an der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Ich schleppte immer Claudels "Der seidene Schuh" mit mir rum. Ich konnte mich nicht mit dem Hausgebackenen von Tutzing anfreunden. Ich liebe ja wirklich auch die alten Kirchenlieder.
Es geht also nicht primär um die neue Form.
Es geht darum, daß der Text trifft oder nicht trifft. Man muß den richtigen Ansatzpunkt finden, um ein Lied singen zu können.
Was ist es, das da trifft?
Ich kann etwas erzählen, und wenn ein anderer es erzählt, stimmt es plötzlich nicht mehr. Der Ton macht die Musik. Das ist aber viel zu kompliziert, um sagen zu können, wo die Gründe dafür liegen.
Grundlegend ist vielleicht eine Haltung, die spürbar wird hinter einem Text und die sich in dem Text nachweislich, spürbar, herauslesbar mitteilt. Wo das der Fall ist, kann ich manches singen und sagen, was ich nicht selbst gemacht habe ?
Warum stimmt heute etwas nicht, das gestern noch stimmt? Wir wissen es nicht. Der Triumphalismus, den etwa EIN HAUS VOLL GLORIE SCHAUET transportieren sollte, ist natürlich schlimm, weil Triumphalismus immer schlimm ist. Aber wenn Sie das reduzieren auf seinen Kern und analysieren, ist an dem Text im Grunde nichts verkehrt. Wenn dieser Text aber von einer stolzen Kirche gesungen wird, und wenn er gesungen wird gegen andere, dann stimmt es nicht mehr. Wenn es gesungen wird, weil man die Sehnsucht hat und die Hoffnung, es möge doch so kommen, wie es der Text beschreibt, dann stimmt es. Es ist also, wie Sie sagen, die Haltung, die dahintersteckt, die darüber entscheidet. Und das meint das französische Sprichwort ja auch, das sagt, der Ton mache die Musik.
Sie haben also die 'textlichen Grundklänge' der neueren Lieder nicht gut gefunden und sahen sich von daher veranlaßt, eigene Vorschläge zu machen?
Ich war ja mehr von einer anderen Seite geprägt. Wenn Sie in Oberkassel aufgewachsen sind und das alles mitbekommen haben, dann konnte Sie Tutzing und was da so im Umfeld entstand, nicht vom Hocker reißen. Es war also - wie Sie sagen - wesentlich ein Erleben von Ungenügen, das mir dann den Stoß versetzte, oder das mich spüren ließ, ich müsse mich selber daranmachen, solche Beiträge zu liefern.
Ich hatte erste Erfahrungen mit Hans-Jörg Böckeler gesammelt, und als Professor Aengenvoort mit der Gründung des Ökumenischen Arbeitskreises kam, vermehrte sich das ganz von selbst. Ich schreibe ja nicht aus mir selbst heraus, sondern weil ich 'muß'. Dort habe ich auch zum ersten Mal den Peter Janssens getroffen. Dort wurden die Kontakte zu den Komponisten intensiver, und so wurden die Lieder für uns auch immer wichtiger. Die Komponisten flogen auf meine Texte wie die Bienen auf die Blüten.
Auch Oskar Gottlieb Blarr war dabei. Er publizierte seine Lieder aber zum Teil unter dem Pseudonym 'Choral Brother Ogo'.
Das lag daran, daß er Lektor beim Verlag Schwann und bei Patmos war. Und er hatte Angst, man würde meinen können, er wolle sich einschmuggeln. Obwohl er da gar nicht der Typ für wäre. Er hat nie seine Beziehungen benutzt, um sich bekannt zu machen.
Haben Sie damals die großen Projekte wahrgenommen, mit denen etwa die KJG 1972 Gottesdienste mit Breitenwirkung feierte, von denen Lieder ausgingen und schließlich auch Schallplatten veröffentlicht wurden? Ich denke etwa an die Platte "Wir haben einen Traum"/ "Unser Leben sei ein Fest" oder an das große Projekt der Liturgischen Nacht auf dem Evangelischen Kirchentag 1973 in Düsseldorf.
Nein. Wir waren in Krefeld mit unserer eigenen Arbeit genug beschäftigt. Ich hatte ja allein sechzehn Schulstunden Religionsunterricht zu erteilen und bekam als erster Priester in Deutschland die Erlaubnis, in der Waldorfschule zu unterrichten. Und ich muß sagen, nicht alles konnte mich begeistern. Begründen kann ich das aber im einzelnen nicht. Die Cordelia Spaemann, Ehefrau von Robert Spaemann, hat einmal gesagt, sie würde am liebsten einmal ein Buch nur über meine Epigonen schreiben. Das Epigonale führte mit zum Niedergang dieser Kirchenmusik. Mittlerweile ist es so, daß jeder Komponist, der Geld verdienen muß, drauflos vertont und so den größten Unsinn schafft. Ich habe, um ein Beispiel zu nennen, das Laute nie geliebt. Manches geht darin unter, man hört sich dann als Musiker oder Komponist selbst gern, statt den Text. Das ist immer gefährlich. Das passierte auch mit dem Pit Janssens. Das Laute hat mich von Anfang gestört. Mir tut das weh, wie ein Wort verkommt zum Krach! Es geht ja auch anders. Das Wort zum Kirchenlied ist ja mehr als bloß ein Anlaß zur Musik.
Das unterscheidet das Neue Geistliche Lied von weiten Teilen der gängigen Pop- und Rockmusik und auch vom Schlager.
Sehr richtig. Das Kirchenlied muß ehrlicher sein als der Schlager. Musik ist ja das Schönste, aber sie ist nicht das, was wir in unserem theologischen Sinne Offenbarung nennen. Komponisten können da, wie Aaron als Sprachrohr des ungelenk redenden Mose, eine Nachricht durch ihre Musik verfälschen! Das ist mir immer wieder passiert. Zum Beispiel mit vielen Stücken, die der Reinhard Horn aus Lippstadt komponiert hat. Der wollte mal den "Song of Love", meine Texte zum Hohen Lied, neu vertonen. Das habe ich gerade noch verhindern können. Das ist alles nicht zu gebrauchen. Musik kann vom Text so ablenken, als würde man während eines Vortrages mit Papier rascheln.
Wann wäre ein Lied in ihrem Urteil ein gelungenes Lied?
(lacht) Wenn ich mich dran erfreuen kann, daß mein Geist dabei noch zum Ausdruck kam. Wenn das Lied kongenial ist, wenn also zwei zusammenkommen, die wie füreinander gemacht sind. Solche Musik ist dem Text angemessen, ist gleichwertig zum Text. Musik kann zum Textsinn hinzutreten, kann ihn manchmal eröffnen. Das ist dann das Schönste.
Der Hans-Jörg Böckeler hat da gegenüber dem Ludger Edelkötter und auch gegenüber meinem Freund Peter Janssens die größere Sensibilität. Seine Tante war Nonne in Eibingen und hat die Gesänge und Musik der Hildegard von Bingen herausgegeben.
Hans-Jörg Böckeler also, würden Sie sagen, ist der Mann, der dem Wortsinn am besten nachspüren und den Text vertonen kann?
Wenn Sie den Hans-Jörg Böckeler in der Messe an der Orgel haben, dann kann der die Predigt mit seiner Musik weiterführen. Das können nur wenige. Der komponiert auch nicht auf den Ohrwurm-Charakter hin. Eine Gemeinde darf sich um ein gutes Lied ruhig bemühen müssen. Nichts ist schlimm daran, wenn sie es es einstudieren muß. Sie muß es sich allmählich aneignen können. Nicht wenn es leicht eingeht, ist es schon ein gutes Lied.
Wenn Sie so hoch vom Liedtext denken, ist es im Grunde überflüssig zu fragen, ob Sie einverstanden sind, wenn Komponisten Ihre Texte ändern.
Ich hatte einmal im Sommer 1992 eine Anfrage von einem Kirchenmusiker aus dem Bistum Limburg, der eine Strophe von mir ergänzen wollte. Ich habe ihm ablehnend geantwortet. Oft geht es dabei nur darum, Signalworte einzuführen, die die Bildkraft des Originals nichts als schmälern würden. Ich habe dem Mann damals geschrieben, daß ich ja auch Hilde Domin nicht bäte, zu ihrem Gedicht "Abel, wach auf" noch eine mir genehme Zeile zuzufügen. Das ist dichteln, nicht dichten.
Könnten Sie sich ein Kirchenlied im Klanggewand von Rap oder Technomusic vorstellen?
Das kenne ich gar nicht! Was ist Rap-Musik? Es müßte nicht mein musikalischer Geschmack sein, aber sie müßte dazu dienen, den Text ankommen zu lassen. Aber die Musik muß auch selbst was taugen. Sie muß Qualität haben im objektiven Sinne. Ich kenne mich da zu wenig aus. Ich bin kein Musiker und kein Komponist. Ich singe nur gerne, dann aber meistens falsch. Es kann ja auch sein, daß eine Sprache, die heute nicht mehr gesprochen wird, trotzdem die Sache trifft. Ich denke an unsere deutschen Mystiker oder an Paul Celan. Das liest ja kaum einer mehr, ich empfehle es auch nicht jedem. Aber man findet dort große Gedanken so bereitet, daß es selbst einfachste Leute verstehen. Die Reduktionen, die sich bei Celan finden lassen, sind teilweise wirklich einfach und verständlich.
Woher kommt dieses Bemühen bei Ihnen, das Große oder Heilige dem Menschen von heute nahbar zu machen?
Als Jesus am Kreuz, sich radikal hingebend, seinen Geist aushauchte, da zerriß der Tempelvorhang von oben bis unten und ließ den Vorraum als Profanum mit dem Heiligen, dem Fanum und dem allerheiligsten Innenraum des Tempels einswerden. Die Hüllen fallen. Das ist Offenbarung. Wir vermögen zu sehen, was noch nicht ist und dennoch schon ist.
Wie anspruchsvoll sind Sie an Ihre Gottesdienste? In den Materialsammlungen der 70er und 80er Jahre fällt auf, wie oft Sprech-Stücke vorkommen, die doch geschulte Lektoren verlangten.
Das waren alles Leute aus der Gemeinde, die ich geschult habe. Das geht alles ohne Profis.
Wie vollzieht eine Gemeinde das mit?
Eine Gemeinde muß man 'gewöhnen'. Gewöhnen und: Ab-Gewöhnen. Man darf die Gemeinde nicht unterfordern; immer ein bißchen überfordern. Man muß aber sehen, daß sie noch mitkommt. Und wenn sie etwas nicht ganz versteht, ist es auch nicht schlimm. Dann sagen die Menschen "Ach, da ist noch was, was nicht verstehe!" Das ist besser, als alles schon zu wissen. Auf die Verständlichkeit kommt es an. Das nennt man ja, etwas 'offenbar' machen; etwas öffnen.
Mögen Sie eigentlich den Begriff "Neues Geistliches Lied"?
Er ist komisch! Was ist "geistlich"? Ist eine schöne Blume geistlich? Eine Rose ist eine Rose. "Beatmesse", oder "Neues Geistliches Lied", oder: "Liturgische Nacht", da habe ich mir noch keine Gedanken drüber gemacht. Ich weiß auch nicht, ob sich diese Begriffe halten werden. Ich weiß wohl, daß ich nie Texte 'für Jugendliche' machen wollte. Ich habe auch nicht reine 'Jugendmessen' machen wollen. Ich habe immer so gedacht: Wenn Kinder dabei sind, dann nehmen die das an, was ihre Eltern schön finden. Das überträgt sich auf die Kinder, gleich ob sie es verstehen oder nicht.
Haben diese Lieder Gemeinden gespalten?
Es blieben schon mal Leute weg, aber gespaltet wurde dadurch keine Gemeinde, die ich kenne. Da haben wir nie Streit gehabt. Ich kann das verstehen, wenn manche Leute nicht mitkamen, aber oft habe ich auch erlebt, daß Ältere viel weiter waren als manche Jugendliche.
Der Ansatz meines Dissertationsprojekts wird die Auskunft Musikwissenschaften berücksichtigen, die uns sagt, daß Lieder in den Idiomen der Pop-/Rockmusik identitätsstiftend wirken.
Da stimme ich sofort zu! Diese Lieder einigen! Das hat schon Luther gewußt, der darauf drängte, die Theologie zu singen. Was übrigens immer einigt, so habe ich erfahren, ist, wo etwas Neues passiert. Wo etwas Neues passiert, identifiziert man sich, da geht man hin, gleich ob alt oder jung. Dort sammeln sich die Leute. Denn die Neugier und die Sehnsucht nach etwas darüber hinaus stecken in jedem ganz tief drin. Man ist nie zufrieden mit dem, was gerade ist.
Was geschieht, wenn wir singen? Ich höre da mich selbst, und ich höre mich in den andern. Das ist eine unheimliche Einigung, die möglich ist mittels eines guten Liedes, bei dem man außer sich gerät und so bei den andern ist.
Sigisbert Kraft, der ehemalige alt-katholische Bischof, hat in diesem Zusammenhang einmal von "Stimm-Abgabe" gesprochen, in dem Sinne, daß ich nicht nur mich zur Sprache und Zustimmung bringe, sondern mich gleichzeitig auch in einen größeren Zusammenhang stelle.
Dem würde ich zustimmen. Das ist richtig. Die Freude eint und läßt mich nicht draufgehen. Ich werde von dieser Freude nicht weggeräumt. Bei einer Oper ist das anders, weil ich da nur zuhöre.
Aus der Liturgietheologie kommt mitunter der Vorwurf, man singe im Gottesdienst Lieder anläßlich der Liturgie, statt die Liturgie selbst zu singen.
Ich bin der Meinung, ein Großteil meiner Lieder seien solche Gebete. Den Kern des Eucharistischen Hochgebetes habe ich ohnehin nie angetastet. Ich denke, damit sollte man auch vorsichtig sein.
Manche Theologen formulieren den Vorwurf, das Neue Geistliche Lied sei liturgieuntauglich, weil es unheilige Musik verwende. Ich denke an einen Beitrag Kardinal Ratzingers, der der Pop-/Rockmusik vorwarf, sie ziele unter die Gürtellinie und weise überhaupt keine Qualität auf.
Ich will Ihnen mal was sagen: Was da passiert, ist das gleiche, wie damals, als man über die ganze Menschheit das Latein ausbreitete. Niemand versteht das. Die vielfachen Kulturen wurden aus der Liturgie ausgelöscht. Die Kulturen Afrikas wurden ausgelöscht. Das Tamtam durfte nicht verwendet werden. Wo will Herr Ratzinger den Verstand herholen, zu sagen, alle Lieder, die Pop sind, taugten nichts?! 'Pop' heißt 'populär' und meint 'das Volk'. Wir sind das Volk! Besser ein bißchen unter'm Strich als so hoch über'm Strich, daß keiner was versteht!
Wenn Sie sich an die Textarbeit begeben, wissen Sie dann im einzelnen, was da vor sich geht und worauf ihr Schreiben hinausläuft?
Es ist ein natürlicher Drang, dem ich da folge. Meist tendiert etwas hin zu einem Ziel, an dem dann der Text aber schließlich gar kein orientierendes Interesse mehr hat. Claudel sagt einmal "Kolumbus steuerte Indien an und entdeckte unterwegs Amerika." Man fängt an und ahnt nicht, wo das endet. Einen Text machen kann ich auch gar nicht. 'Machen' ist in diesem Zusammenhang ein schreckliches Wort.
Reiner Kunze sagt einmal: "Das Gedicht sucht sich seinen Autor." Er meint damit auch etwas Autonomes, das sich den Schreiber als Werkzeug sucht. Als einen Mitgestalter, der mehr ist als ein ausführendes Organ, der aber doch auch wesentlich gebunden ist daran, daß ihm etwas zufällt.
Das ist richtig. Wenn ich anfange zu schreiben, tue ich zunächst nichts anderes, als bei mir und in mir für Ruhe und Stille zu sorgen. Seelenruhe. Ich habe das einmal für den Katholikentag in Karlsruhe 1992 mit den Worten auszudrücken versucht, daß ich in dieser Tätigkeit einem Huhn gleiche, das sich plötzlich auf befruchtete Eier niedersetzt und anfängt zu brüten. Ich kann dann auch in meiner näheren Umgebung sehr aggressiv werden, wenn ich dabei gestört werde. Da ist dann was auszubrüten aus heiligem Zwang. Zeit haben dafür, und Ruhe und Stille - das ist dabei das wichtigste Gebot. Was da hochkommt, ist das, was ich gerne das "neue Junge" nennen möchte, das "neue Junge", vor dem wir selbst in Entzücken geraten, weil wir selbst uns darin wiederfinden, so neu und fremd es auch sei. Dennoch erleben wir es als das Unsere, das sich enthüllt. Derjenige, der durch sein Werk, sein Wort, durch sein Wirken diese Enthüllung bewerkstelligt, ist der Künstler. Er ist nur Werkzeug, das ist ihm Freude genug. Wenn sich dann auch noch andere daran erfreuen, was will einer mehr?!
Das Neugeborene, dieser ausgebrütete Text, ist dann aber ein selbständiges Geschöpf; ist nach seiner Geburt eine neue Schöpfung. Es wurde doch nur geschöpft aus dem Überfluß des Alls, der Schöpfung - davon kündet es. Daß so ein Geschöpf dann Kreise zieht, daß es - wie in dem Lied gesagt wird - "die Welt umkreist", das 'macht' man nicht, nie und nimmer. Der Künstler muß hinter das Kunstwerk zurücktreten.
Haben Sie jeden einzelnen Gottesdienst, jeden einzelnen liturgischen Anlaß so gewissenhaft vorbereitet, wie es hier anklingt?
Ich wiederhole auch nichts.
Daraus spricht ein großer Respekt vor der Situation und vor den Menschen, die kommen werden.
Das hat etwas mit dem Manna in der Wüste zu tun. Wir dürfen nichts verwahren. Das stinkt dann zum Himmel. Nur für heute ist das Wort, so haben Sie es ja auch jetzt in dem Beitrag für die Kirchenzeitung des Bistums Aachen über mich ganz treffend geschrieben.
Was halten Sie von dem Improvisieren, das manche Priester am Altar pflegen?
Ich habe das nie gemacht. Das eucharistische Hochgebet im Kern sollte man sowieso so lassen, wie es ist. Das ist so genial einfach! Das Verbessern-Wollen ist so schrecklich wie primitiv. Da kommen die von Höckchen auf Stöckchen und erfinden alles mögliche.
Präfationen haben Sie ja einige formuliert und auch veröffentlicht, aber dann bricht das eigene Formulieren ab.
a, dann spricht der Eine! Dann habe ich mich an das Ordinarium gehalten. Ich würde mir das Ordinarium aber kürzer wünschen, konzentrierter auf die Hingabeworte. Und wir kommen dann auch schließlich auch zu der Frage, ob da immer einer vorstehen muß, der hochgelobt und geweiht ist. Weiht das nicht selbst ein, wenn man es wahrlich gut macht?
Was wäre dann das priesterliche Amt?
(lacht) Was ist denn daran Amt? Hatte Jesus ein Amt? Die Formulierung halte ich für fragwürdig. Wer hat ihn den Hohenpriester genannt? Er selbst hat sich nicht so genannt. Da gibt es dann welche, die klagen "O weh, was geht da alles flöten?" Ich sage Ihnen: "Nix geht flöten! Alles kommt!"
Wir gehen einer neuen Zeit entgegen, die es in sich hat.
Ich habe das einmal in einem Text auszudrücken versucht:
vision
am rand
am strand
der welt
liegen
große
schöne
bizarre
leere
schneckenhäuser
kölner dome
petersdome
hagiasofias
karolingische
romanische
gotische
byzantinische
19.
20. jahrhundert
schneckenhäuser
daraus das leben
ausgezogen
man sieht
schwarze ströme
touristeninsekten
heraus herein
eilen
wimmeln
in einer unbegreiflichen
hektik
europa
ist zu einem
großen
christlichen museum
geworden
zum rand und strand
der welt
mit schönheit aus bronze
marmor
aus sandstein backstein
beton
europa
ein kostbares grab
das grab ist leer
der held erwacht
aber anderswo



