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Interview mit Alois Albrecht

Peter Hahnen im Gespräch mit Alois Albrecht entnommen: "Das "Neue Geistliche Lied"" Münster 1998

Fiel ihre Weihe, Herr Albrecht, 1962 in eine Konzilshoffnung?

Geweiht bin ich am 19. März 1962, im Frühjahr also. Und unsere Primiz war noch lateinisch. Das Konzil wurde erst im November eröffnet. Ich habe das Konzil dann als Kaplan erlebt und natürlich später in der Zeit als Diözesanjugendseelsorger.

Wie verlief Ihre erste Begegnung mit ‚anderer' Kirchenmusik?

Das lässt sich schwer sagen. In den Jahren als Diözesanjugendseelsorger habe ich immer wieder einmal Texte geschrieben für besondere Anlässe, die einfach anstanden, Weihnachtsbesinnungen und so etwas. Und dann war ich einmal bei einem KJG-Treffen dabei, das war 1970 in Münster. Damals hatte Janssens seine ersten Messen komponiert. Das hat mir sehr gut gefallen. Und dann hat mich Josef Metternich, der damals auf Bundesebene Geistlicher Beirat der KJG war und heute als Pfarrer in Köln lebt, aufgefordert, in einem Arbeitskreis mitzumachen, der das KJG-Bundesdelegiertentreffen, das 1972 unter dem Titel >Konfrontationen und ...<in Fulda stattfinden sollte, vorbereitete.

Zu diesem Treffen, bei dem zwei wesentliche Gottesdienste vorgesehen waren, habe ich Texte, auch Liedtexte und eine Fassung für den Kanon, also für das Eucharistische Hochgebet, geschrieben.

Wie kann man sich diese Gottesdienste vorstellen?

Einmal war das ein Abendgottesdienst in irgendeinem Saal und dann ein Pfingstgottesdienst in einer Kirche, dort mit dem damaligen Bischof. Ich habe Texte für beide Gottesdienste geschrieben, die unter dem Motto standen "Der Geist bewegt uns" oder so ähnlich. Ich war selber fast verwundert, dass in diesem Kreis, das war um 1970/71 herum und die erste Berührung mit dem Peter Janssens, dass die dann alle meine Texte genommen haben. Die wurden unter dem Titel "Wir haben einen Traum" veröffentlicht. Für den Abendgottesdienst, der ganz besondere Bedeutung erhielt, sind die Texte entstanden, die unter dem Titel "Unser Leben sei ein Fest" publiziert wurden. Darin fasst sich bis heute zusammen, was ich als mein Eucharistieverständnis bezeichnen möchte. Dazu gehört der Aufgesang Der Tod ist ein Chamäleon mit der Antwort Der Geist des Herrn ist wie Horn.

Darauf folgt dann erst das Lied Unser Leben sei ein Fest. Man muss also von einem Zyklus sprechen ...

Genau so ist das. Das nächste, was folgt, ist ein Sanctus und der Kanontext, den ich später auf der Platte des Janssens-Verlags auch selbst gesungen habe. Und in diesem Zusammenhang also sind die Lieder alle entstanden. Dieser Abend mit dem Gottesdienst war für uns alle ein Riesenerlebnis. Auf der Platte fehlt die Lesung aus dem Ezekielbuch, in der er den Gebeinen predigt. An dieser Stelle hielt der Josef Metternich eine Predigt, so eine Art Erweckungspredigt, und die wurde mehrmals durch einen Gemeindevers unerbrochen, den der Peter Janssens kurz zuvor komponiert hatte: Wenn der Geist kommt, werden wir es tun...

... den hat er auch für die Predigten in seinem Musical "Menschensohn" verwendet, wenn Karl Lenfers abschließend zu den Leuten sprach.

Das kann gut möglich sein. Nach dieser Predigt wurde der Dank der versammelten Gemeinde spontan formuliert, darauf eine Epiklese gesprochen und das Gedächtnis des Abendmahls. Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn ich das in Gebetsform formuliert hätte. Mir ist das damals gar nicht aufgefallen. Ich glaube aber doch, dass wir uns an den Duktus des eucharistischen Hochgebetes gehalten haben. Trotzdem wurde ich damals sehr gescholten. Da wurde dann gesagt "Der Albrecht überschreitet sämtliche Grenzen. So kann ein Kanon nicht sein." Und ich habe Prügel bezogen, die nicht von Pappe war.

Das war sehr schwierig. Ich hatte gedacht, durch solche Texte und den Impuls, den sie gaben, hätte ich etwas beitragen können zu einer guten Jugendliturgie und damit zu einem Hereinholen von Jugendlichen in den Gottesdienst und in die Kirche. Vielleicht hätte unsere ganze Jugendarbeit eine andere Richtung bekommen, denn in der Folge lief das doch sehr stark ins Politische. Das sinnenfreudige und lebensfrohe Element, auf das es mir immer ankommt, wurde zugunsten solch einer Polisierung zurückgedrängt. Wir sollten nicht nur Politik machen. Meine These war immer, bei jenen Themen zu bleiben, die die Jugendlichen selber umtreiben. Ich denke immer, die jungen Leute müssen das doch auch in der Kirche leben können; dieses Gefühl der Jugend, die sich halt freut, da zu sein und zu feiern. Die voller Lebenslust sagen kann "Ich bin jung", "Ich habe Möglichkeiten!", "Jetzt will ich leben!".

Wie machte sich solch in Akzent in ihrer Arbeit bemerkbar?

Ich habe seinerzeit für das KJG-Treffen in Fulda, als wir den Text unter dem Motto "Jesu Geist wirkt in uns" formulierten, gesagt, dass an den Entwürfen noch etwas fehlt. "Da muss noch was davor!", habe ich gesagt. Und dann fand ich diesen Vers, der heute das Lied einleitet: "Unser Leben sei ein Fest". Solch ein Liedtext - man kann sich ja darüber streiten, wer der Urheber ist - entstand durch Nachdenken in einem Team. Neben dem Josef Metternich und einem Oblatenpriester - Bernd Ferkinghoff - war da auch noch die Karin Heinen dabei. So steht dann heute unter dem Lied die Autorenangabe "Josef-Metternich-Team".

... und wird heute noch gesungen.

Ja, das war ja eine Vorlaufphase auch zur Synode in Würzburg. Ich habe damals zu Josef Metternich gesagt: "Pass mal auf! Die Debattenpapiere, an denen hier geschuftet wird, werden schon auf der Synode selbst völlig untergehen. Kein Mensch wird sich an diese Texte später noch erinnern. Aber die Lieder, die wir hier machen, werden - wenn sie gut sind - weitergetragen werden und solche Anliegen transportieren und verbreiten können." Na ja, das hat sich dann ja auch im wesentlichen bewahrheitet. Die Lieder leben weiter.

Haben Sie damals die parallelen Entwicklungen im evangelischen Raum wahrgenommen?

Nein. Mit den evangelischen Entwicklungen hatte ich nur äußerst sporadisch Kontakt. Es gab für uns eigentlich bis dahin nur die importierten Spirituals. Es hatte angefangen durch Lieder von Pit Janssens, die im Gefolge des Münsteraner KJG-Bundestreffens 1970 etwas Verbreitung gefunden hatten. Da hatte er ja schon das ein und andere komponiert gehabt. Da konnten wir anschließen.

Würden Sie im Rückblick Entwicklungen benennen können?

Es gab natürlich mit dem Peter Janssens und dem Ludger Edelkötter heftige Protagonisten, die das in Deutschland wesentlich inspiriert haben. Texter wie Wilhelm Willms und Lothar Zenetti stehen für den kräftigen Anstoß, den es da gab. Das wäre die Zeit zwischen 1971 und 1981.
Meine letzte Zusammenarbeit mit Edelkötter datiert auf 1981. Das war eine sehr fruchtbare Phase. Und ich glaube auch, das war die grundlegende Phase. Was mit "Ave Eva" vorgelegt worden war, einschließlich des Trubels darum, das hat auch dazu beigetragen, dass das unter die Leute kam.

Und dann hat sich das in der Folgezeit gesplittet. Es sind eine große Zahl junger Texter und Komponisten eingestiegen. Ich selber konnte mich der ganzen Sache dann nicht mehr in solchem Ausmaß widmen. Um das Jahr 1983/84 hatte ich den Eindruck, dass das alles abflacht. Ich habe die Katholikentage angeschaut, bei eigener Teilnahme und bei Übertragungen und hatte den Eindruck, dass das festgefahren war.

Mir ist es dann auch selber passiert, dass ein junger Komponist aus der Gruppe der selbsternannten ‚Janssens-Erben' Texte von mir angefragt hat und völlig unzulänglich vertont und auch verändert hat; völlig an der Rhythmik des Textes vorbei. Das war solch ein Quatsch auch von der Titelwahl auf dem Cover her. Die Melodien waren - das kam noch dazu - so künstlich überfeinert, dass kein Mensch das nachspielen konnte. Mir war es aber immer darum gegangen, dass unsere Gruppen ‚vor Ort' das auch selber musizieren konnten.

Hier in Bamberg gab es dann aber ganz positive Entwicklungen. Ein junger Nachwuchsmusiker aus meiner Gemeinde, Klaus Gramß, begann hier selber zu komponieren. Wir haben zusammen Lieder und Musiktheater erarbeitet. Unter anderem meine bislang letzte Textarbeit 1985: das Oratorium über Mary Ward. Da sind auch Gemeindelieder drin, denn das Publikum soll nicht nur konsumieren können, sondern auch sich selber ausdrücken können, agieren können und es soll auch etwas mitnehmen können. Es soll nicht nur Theater sein, es soll den einzelnen ergreifen und es soll im Gottesdienst weitergehen können.

Ein solches Lied, das quasi mitgenommen wurde, ist auch >EINES TAGES KAM EINER<, das mittlerweile sehr bekannt ist ...

Ja, das stammt aus einem Ganz-Tages-Projekt für die Diözesanjungend, zu dem wir hier in den Dom eingeladen hatten. Das war noch 1977 und hatte den Titel >Wir ist mehr als Ich plus Du<. Das war ein umfassendes Konzept zum Themenkreis "Schöpfung des Menschen in der Welt und der menschlichen Gemeinschaft" und wurde hier im Dom mit vielen Gästen den ganzen Tag über szenisch und choreografisch dargestellt. Menschen als Marionetten und Schaufensterpuppen wurden vorgestellt. Zu jeder Einheit gab es auch ein passendes Lied. Und das gipfelte dann in diesem Lied des neuen Menschen, Jesus, der den Traum Gottes von einer neuen Welt wieder aufgriff. Und das ist das Lied EINES TAGES KAM EINER, das dann sehr bekannt wurde.

Vor kurzem kamen in unserem Seminar zwei Manuskripte für neue Unterrichtsbücher für den Religionsunterricht auf den Tisch. Beide verwendeten dieses Lied, strichen aber die vierte Strophe, in der von der Zärtlichkeit Jesu gesprochen wird...

Da könnten natürlich irgendwelche Verklemmungen oder Ängste hinter stecken, die das in sexueller Hinsicht missdeuten. Ich will aber einmal so sagen: Ich hatte einmal das Glück einer Begegnung mit dem Dom Helder Camara in Recife. Ich bin noch nie einem Menschen begegnet, in den ich gleichsam so ‚eintreten' durfte, wie in diesen kleinen Mann. Ich bin ja selber mehr ein Typ, der Abstand wahrt, aber das hat mich sehr beeindruckt und ich stelle mir auch Jesus so vor.

So erklärt sich dieser Text schlicht und einfach. Ein Mensch, an den jeder herantreten kann; wie die blutflüssige Frau, die wenigstens noch einen Zipfel dieses Jesus erhaschen will. Solche Unmittelbarkeit, die habe ich in Lateinamerika bei Freunden und Bekannten erlebt. Bei uns ist das erschwert und je älter man wird, desto zurückhaltender wird man ja auch manchmal.

Da leide ich auch ein bisschen drunter: Der Friedensgruß, der ist bei uns ja so stilisiert, dass kaum eine spontane und tiefe Geste möglich ist. Es muss ja kurz vor der Kommunion nicht gleich die ganze Kirche durcheinandergeraten. Vielleicht sollte der Friedensgruß auch an eine andere Stelle gerückt werden; in den gemeinschaftlichen Bußakt im Wortgottesdienst zum Beispiel.

Textänderungen mögen Sie nicht. Kürzen wäre eine Verkürzung?

Der Text zu EINES TAGES KAM EINER hat einen durchgehenden Duktus, der bis zum Ende seine Geschichte aufbaut. Das ist bis zuletzt stimmig und kann in der Tat nicht gekürzt werden ohne diesen Aufbau zu stören. Eigenmächtige Textveränderungen mag ich wirklich nicht. Es kam vor, dass Komponisten anfragten, eine Verknappung kurzzeitig zu verwenden, um an späterer Stelle den Zusammenhang besser betonen zu können. Das haben Janssens und Edelkötter manchmal gemacht, aber sie haben auch freundlich gefragt und das begründet. Andere Komponisten verhalten sich weniger höflich.

Seit 1985 gibt es keinen Albrecht-Text mehr?!

Ich bin, was die Liedtexte anbelangt, auch absichtlich ausgestiegen. 1986 bin ich 50 Jahre alt geworden. Die Sprache der Jugend spreche ich nicht mehr. Man spricht sich auch ein bisschen fest. Bestimmte Begriffe, auf die hat man sich dann festgeschrieben, ob das jetzt "Frieden" ist, oder "Gerechtigkeit" oder "Wahrhaftigkeit", auch "Reinheit". Ich habe versucht auch solch ein Wort wieder ins Spiel zu bringen.

Und dann ist es so: Ein guter Text muss auch ein Bild hergeben und ich hatte den Eindruck, dass ich mich jetzt vorläufig ‚ausgesprochen' habe und wollte es einfach einmal sein lassen. Meditationen für den kleineren Kreis, für meine Weihnachtsgrüße und so - da schreibe ich natürlich schon noch was. Aber eben nicht mehr für diesen größeren Kreis.

Arbeiten Sie jetzt gar nicht mehr in dieser Richtung?

Ich bin so lange Jahre in der Liturgiekommission unserer Diözese gewesen. Wir haben so den Diözesananhang zum Gotteslob auch mit Neuen Geistlichen Liedern ergänzt. Und dann haben wir hier für die Diözese das ganz eigenständige Liederbuch "Cantate" herausgegeben, das mit über 500 Seiten neues Liedgut nicht nur abdruckt, sondern auch kommentiert und liturgisch eingeordnet anbietet. Und wir haben einen kleinen Etat mit 30.000 DM eingerichtet, dass unsere Kirchenmusiker sich auf diesem Gebiet fortbilden können und Orgelsätze zum Neuen Geistlichen Lied angeboten werden können. Denn Sie müssen bedenken: An den angestellten, hauptamtlichen Kirchenmusikern führt kein Weg vorbei. Ich musste in meiner eigenen Gemeinde seinerzeit selber zur Gitarre greifen, weil unsere Organistin so was nicht spielen wollte. Wenn sie aber etwa Orgelarrangements anbieten, steigt die Chance, dass Musiker diese Lieder verwenden.

Es finden sich immer auch neue Leute, die Freude an der Arbeit mit solchen Liedern haben. Wir bieten auf der Burg Feuerstein Workshops für Bands und junge Musiker an. Und durch solche Aktivitäten, die natürlich zu finanzieren sind, steigen allmählich das Niveau und die Qualität des liturgischen Musizierens Neuer Geistlicher Lieder.

Also nach einer Phase der Stagnation, die Sie Mitte der 80er Jahre beobachtet haben, ist es nun zu einer neuen Belebung auf breiter und gewissenhafter Basis gekommen, die nicht zuletzt von Ihnen als Generalvikar und den Ausschüssen aus, unterstützt wird. So dass Sie also nicht sagen würden "Das ist im Grunde vorbei!"

Ja, das würde ich nun überhaupt nicht sagen.

Könnten Sie sagen, was ein gutes Neues Geistliches Lied auszeichnet?

Ja, es muss ja nicht gerade ein Gedicht sein, das es zu vertonen gilt. Was der Wilhelm Willms da geleistet hat, ist natürlich enorm. Aber das kann nicht jeder.

Aber es geht einem als Texter ja irgendwann selber auf den Wecker, wenn dann immer wieder auf Begriffe wie "Weg" und "Licht" und alles mögliche zurückgegriffen wird.

Sie haben ja Libretti gemacht, die ich als homiletisch oder kerygmatisch klassifizieren würde. Ich denke an den Vers "Jetzt muss mehr geschehen", ... Und dann kommen die Bilder, von denen Sie gerade schon sprachen: "Dem Maler gelingt ...". Das sind ja nicht Texte der sogenannten Erweckungsmusik, die 1:1 die Katechismussprache imitiert, sondern kerygmatische Texte.

Ich kann das theoretisch nicht fassen für meine Texte. Die Texte kamen aus meinem Inneren heraus, als Reaktion auf konkrete Anfragen zu Projekten. Wenn Sie sagen "kerygmatisch", trifft's das vielleicht am ehesten. Sie kreisen um das, was mit diesem Jesus bei mir selber passiert. Es sind ja auch teilweise Gebete und eigene Erfahrungen, die verarbeitet werden. Sehen Sie einmal das Lied DUNKLE NACHT aus den "Gesungenen Stundengebeten". Das greift zum einen Gedanken aus den Texten Johannes' vom Kreuz auf, hatte zum andern aber auch mit der Situation zu tun, in die ich durch meine exponierte Stellung Anfang der siebziger Jahre geraten war, mit den Anfeindungen, die es damals gab. Dunkle Nächte, durch die man dann gehen muss. Und dann gab es Begegnungen, die plötzlich erfreuen können. Das schlägt sich dann nieder in dem Lied MANCHMAL FEIERN WIR MITTEN AM TAG. Die meisten Lieder habe ich für Zusammenhänge geschrieben und in einem überschaubaren Zeitraum, an dessen Ende die Manuskripte als fertig gelten konnten.

Was ist ein gutes Lied, fragen Sie. - Ich habe beim Schreiben dann so ein Gefühl. Die Worte, die ich schreibe, die klingen in mir. Die müssen mit dem, was ich aus meiner Erfahrung, die ich mit dem Evangelium mache, übereinstimmen. Es muss der Augenblick da sein, an dem ich nicht anders formulieren könnte. Das ist ein sprachlicher Vorgang, in dem eine eigene Erfahrung ‚gelautet' wird! Die wird dann nachgeprüft, ob sie tatsächlich stimmt. Manchmal stimmt noch ein einzelnes Wort nicht, da muss man dann suchen, muss dranbleiben.

Ist das Neue Geistliche Lied nur ein Jugendlichen-Lied? Drängte man, wo man so verführe, die jungen Leute nicht geradezu in die Sonderform und verdrängte man sie so nicht aus der gemeindlichen Eucharistiefeier?

Also aus der Sichtung der Diözesananhänge, die ich hier bekomme, kann ich ersehen, dass sich diese Lieder allgemein einbürgern. Dort finden sie sich immer noch in einer kleinen Auswahl. Aber in vielen Gemeinden gibt es weit darüber hinausgehende Initiativen und die Älteren sind genauso begeistert von diesen Liedern, wenn sie vernünftig dahin geführt werden, wenn die Darbietung geschmackvoll ist und die Texte wirklich gut sind. Das wird auch noch weiter in unsere Gemeinden hineinwachsen.

Was sagen Sie zu der Position, solche Musik, die die Idiome der Pop-/Rockmusik verwendet, sei per se liturgieuntauglich, weil sie unheilig, profan sei?

Da hat es ja vor wenigen Jahren einen Text gegeben von Kardinal Ratzinger, der das thematisiert. Ich halte solche Sätze für nicht gerechtfertigt. Denn sowohl die Texter als auch die Komponisten dieser Lieder sind durchaus Leute, die Verantwortung haben und ihr gerecht werden. Ich gebe zu, dass manchmal neue Musik und Neue Geistliche Lieder in Gottesdiensten so erklingen, dass man nicht gerade erbaut wird. Das liegt aber oft weder an der Musik noch an den Texten, sondern eher an der inkompetenten Wiedergabe. Im übrigen kann ich das jetzt nach 25 Jahren ein wenig überblicken und sagen: Es wird nur bleiben, was wirklich gut ist, was musikalisch ein Gesang ist und textlich eine Art Poesie hat.

Dieser Gedankengang veranlasst mich umgekehrt zu einer Bemerkung. Es gibt Neuschöpfungen in den offiziellen Liturgietexten, die man besser vor Drucklegung Menschen mit ausgewiesenem Sprachgefühl zur Bearbeitung gegeben hätte. Wenn man die Menschen wie Willms oder Zenetti vorgelegt hätte, dann wäre hie und da auch ein deutlicherer Kanonduktus rausgekommen, statt so einem sprachlichen Konstrukt.

Solche Texte sollten vorher nicht nur Theologen in die Hand gegeben werden, sondern auch Leuten, die irgendwann einmal mit Sprache sensibel umgegangen sind. Ich will nicht sagen, dass ich es unbedingt könnte. Ich weiß wie schwer ein solcher Vorgang ist, aber Kanons, die einen einigermaßen befriedigenden Duktus haben (wie der leider allzu lang geratene Vierte Kanon), wären doch wünschenswert.

Aber einem Einwand, wie Sie ihn in Ihrer Frage ansprachen, kann man eigentlich mit Worten wenig entgegensetzen. Die Schiene, die wir hier fahren, halte ich für die richtigere. Man legt Sorgfalt darauf, dass junge Leute, die musizieren, es auch können; die darum nicht die Kirche auffüllen mit einem Mordslärm, sondern die auch dem Gottesdienst im Gesamten dienen.

Der Beurteilung, die Sie zitieren, kann man am besten entgegenwirken durch Singen und Musizieren. Es nützt nichts, wenn man dagegen anschreibt. Es nützt nur etwas, wenn man sagen kann: Wir haben in vielen Gottesdiensten solche Lieder gesungen und diejenigen, die sie musizieren, sind sorgfältig und sind auch über den Sinn der Liturgie aufgeklärt.

Die Musikwissenschaften (Musiksoziologie und -psychologie) sagen uns, dass Musik - bestimmte Musik, an die man gerät als Mensch, besonders in Umbruchphasen oder empfindsamen Phasen der Adoleszenz und Identitätsausbildung - identitätsstiftend oder -substituierend wirkt. Was ich meine: Menschen geben sich eine Gestalt und erleben sich mit einer Gestalt, mit den Texten aber auch dem ganzen Drumherum, als das man bspw. solch eine Feier, einen Gottesdienst, ein Fest oder Konzert erfährt. Sie haben ja zu Beginn mit dem Ereignis aus Fulda eine solche Situation geschildert. Das würde, angewandt auf die liturgische Musik, bedeuten, dass das Neue Geistliche Lied als identitätssubstituierend oder gar -stiftend begriffen werden könnte. Würden Sie aus Ihrer Erfahrung (aus der persönlichen und aus der als Diözesanjugendseelsorger und Gemeindepfarrer) solch eine These bestätigen können?

Zunächst einmal: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir damals (um 1970 herum) mit dieser Musik viele überhaupt in den Gottesdienst gebunden haben. Das war ja kurz nach ‚68, und viele haben kritisch gesagt, wir sollen doch mit so einem ‚Mist' wie Gottesdienst und so weiter wegbleiben. Da haben wir mit dieser Musik wirklich Brücken bauen können. Ich glaube, dass das heute noch geschieht, und das trifft ja in gewisser Weise, was Sie sagen. Ich würde hinzufügen: Auch andere Musik als die Neuen Geistlichen Lieder sind gangbare Wege. Die gottesdienstliche Musik kann vielfältig sein. Neben den Kleinkinder-Gottesdienst-Liedern muss es auch Neues Geistliches Lied und auch eine Messe von Mozart, Bruckner oder Haydn und auch ein Choralamt geben können. Das spielt für mich im einzelnen keine Rolle. Alles kann mich in den Gottesdienst hineinbinden, mir helfen hineinzufinden. Wenn junge Leute auf ihrem Weg über diese Lieder eine Bindung zum Gottesdienst finden, werden sie später auch zu anderen Formen finden. Das Neue Geistliche Lied ist, wenn Sie jetzt von Identität sprechen, nicht das einzige Medium der Identifikation, aber eine von mir sehr geschätzte Möglichkeit.

Das neue Geistliche Lied muss allein schon deshalb ernstgenommen werden, weil es von den Menschen ernstgenommen wird!

 
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