Fachtagung 2006
"Zwischenräume - Mein Woher, Warum und Wohin des NGL"
Jährliche Fachtagung NGL fragt nach spirituellen Wurzeln des Liederschaffens
Unter dem Titel "Zwischenräume - Mein Woher, Warum und Wohin des NGL" fand vom 3. bis 5. März die jährliche Überdiözesane Fachtagung Neues Geistliches Lied statt. Tagungsleiter Dr. Peter Hahnen von der "Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz" hatte nach Freiburg in das Margarete-Ruckmich-Haus geladen und über 55 Kreative (die wichtigsten Texter, Komponisten, Musiker der NGL-Szene) und eine erkleckliche Anzahl an Fachpublikum hatten sich auf den Weg in den ver-schneiten Schwarzwald gemacht.
Wie der Titel der Tagung erahnen lässt, ging es nicht allein um Überlegungen zu Text, Komposition, Satz etc. Man ging vor allem der Frage nach, wo die Kraftquellen für die kreative Arbeit liegen. Dabei wurde deutlich, dass das NGL nicht in erster Linie neu um seiner selbst willen sein will, sondern zeitgemäßer Ausdruck erlebter und gelebter christlicher Spiritualität ist. Einerseits Glaube und Hoffnung angesichts von Säkularisierungs-tendenzen in allen Lebensbereichen zeitgenössisch kommunizierbar zu halten und an-dererseits intensive Sinnsuche zu befördern, das ist die Motivationslage des Liederschaffens.
In einem guten halben dutzend Workshops (u.a. mit Hans Florenz und Gregor Linßen) und auch im Plenum der Tagung wurde unterstrichen, was Bandcoach Albert Arens aus den Niederlanden so umriss: "Kreativität selbst ist nicht unsere Kraftquelle, sondern ist ein Weg. Wir schöpfen aus gelebter und erlebter Spiritualität, die tief in uns verwurzelt ist." Hier zeigte sich auch, dass NGL nicht für ein introvertiertes Poesiealbum geschrieben werden. Sie vermitteln nicht zuletzt Emotionen. Insofern ist, wie ein Workshop bearbeitete, die Einheit zwischen Darbietenden und Botschaft unabdingbar. Es geht aber auch darum, Musik nicht unreflektiert einer unbekannten Situation auszusetzen. Situation und Raum lassen nicht immer alle Werke zur beabsichtigten Wirkung kommen. Die Unterscheidung dessen, was ein Lied zu "Flop" oder "Hit" werden lässt, ist nur teilweise in werkimmanenten Eigenschaften begründet. Nicht selten entscheiden die Art der Vermittlung, der Darbietung und kirchenpolitisches Taktieren mit darüber. Der Austausch zeigte, dass es unter Musikern ein bisweilen recht gut entwickeltes Bewusstsein für die Notwendigkeit gibt, mit den äußeren Umständen sensibel und besonnen umzugehen, hier aber auch noch einiges zu lernen bleibt.
In einem anderen Workshop wurden Motive und Ziele des Einsatzes von NGL erforscht. Dabei wurde deutlich, dass Ausführende sich immer weniger als gewissermaßen "spirituelle Jukebox der Gemeindeleitung" gebrauchen lassen wollen, die auf Abruf die immergleichen Lieder spielt. "Repertoireverharrung" ist nicht das Problem der Kreativen. Die schaffen gute neue Lieder. Sie ist vielmehr die Kehrseite überforderter Hauptamtli-cher in Pastoral und Kirchenmusik, die nicht mehr nach den neuen Liedern suchen kön-nen oder wollen.
Musizieren - so der Fokus eines weiteren Workshops - wird als Kommunikationsgeschehen begriffen, das frühzeitig zwischen allen Verantwortlichen aufmerksam bedacht sein will, soll es seine positivste Wirkung entfalten können. Eine Erfahrung, die viele Kir-chenmusiker allenthalben werden teilen können. Andererseits kann es auch nicht darum gehen, als Künstler kompromisslos um jeden Preis auf persönliche Authentizität zu set-zen. Der Ausdruck "Stimmigkeit", also die Wahrnehmung eigener Befindlichkeit und An-sprüche im Kontext der gemeindlichen Situation, beschreibt wohl am ehesten das, was Ausführende im Bereich NGL anstreben.
"Kreative Prozesse" war ein weiterer Arbeitstitel, unter dem auch die Grenzen der Indivi-dualität ausgelotet wurden. Wie weit kann man sich mit dem Ausdruck individueller Ge-danken und Gefühle hinauswagen? Diese Frage machte deutlich, dass Autoren, Kom-ponisten und Ausführende immer den Gemeinde- und Liturgiebezug im Blick behalten müssen. Allerdings wurde auch spürbar, dass hinsichtlich des Liturgiebezugs ein größeres Maß an Freiheit gewünscht ist, ohne dass man den Rahmen der kirchlichen Feier-gemeinschaft sprengen muss.
Zwei bemerkenswerte Elemente, welche die Arbeit der Tagung sinnenfällig und geistlich unterstrichen, waren die geistliche Lyrik-Musik-Inszenierung im Freiburger Münster (Pfr. Heinz Vogel und Mitglieder der Musikwerkstatt Freiburg) und der gemeinsame Gottes-dienst in der von Armin Göhringer vor wenigen Jahren neu ausgestatteten Kapelle des Tagungshauses. Beim Besuch des Münsters zeigte sich exemplarisch wie meditative Texte, musikalische Klänge und Raumwirkung als Gesamtkunstwerk zu einem spirituellen Erlebnis werden können, das sich durch seine Dichte deutlich von einer bloß kalkulierten Performance unterscheidet.
Schließlich wurde auch der Frage nachgegangen, an welchem Ort die NGL-Schaffenden die Möglichkeit einer strukturellen Vernetzung sehen. Sicherlich weist der Bereich der Jugendpastoral den engsten Bezug zur Arbeit am NGL auf. Auch hier bestätigten die Statements die enge Verbindung zum gottesdienstlichen Handeln in Liturgie und An-dacht. Insofern lag es während des Wochenendes zunehmend in der Luft, dass sich der Studienteil der nächstjährigen Tagung der Wechselwirkung von Liturgie und NGL wid-men soll. Sie findet vom 23. - 25. Februar 2007 im Bistum Münster statt.
Franz-Josef Ruwe, Münster



